Ehrliche Gedanken

Zwischen Liebe und Überforderung — darf man beides fühlen?

Die Gesellschaft hat für dich ein Paket vorbereitet. Es heißt Mutterschaft. Und in dem Paket ist alles, was du fühlen darfst: Liebe. Dankbarkeit. Glück. Es ist hell und warm und perfekt. Es ist auch nicht real.

Was in dem Paket nicht vorgesehen ist, ist die Tatsache, dass du gleichzeitig erschöpft, gereizt, überfordert und sogar ein bisschen ressentimentvoll sein kannst. Die Gesellschaft sagt dir, dass das möglich ist, aber nur wenn du dich schuldig genug fühlst dabei. Und das ist das Problem.

Ich kann mein Kind mehr lieben, als ich dachte, dass es möglich ist, und gleichzeitig hoffen, dass dieser verdammte Zahnarzt-Termin nicht ausfällt, weil ich fünf Stunden Ruhe brauche. Das ist nicht egoistisch. Das ist nicht lieblos. Das ist nicht ungrateful. Das ist einfach die Realität von Mutterschaft.

Vor ein paar Tagen schrie ich mein Kind an, weil es auf sein Essen nicht wartete. Es war hungrig. Natürlich war es hungrig. Es ist ein Baby. Aber in diesem Moment, in diesem einen Moment, war es mehr, als ich tragen konnte. Die Erschöpfung kam heraus wie Gift, und dann kam die Liebe, schwer wie Blei. Ich wollte mich selbst umbringen. Und ich liebte dieses Kind so sehr, dass mir das Herz schmerzte.

Das ist das Ding, das niemand dir sagt, wenn du schwanger wirst: Liebe und Überforderung sind nicht das Gegenteil voneinander. Sie sind nicht so aufgebaut, dass die eine die andere widerlegt. Sie sind wie zwei Menschen, die in deinem Körper nebeneinander sitzen und dir beide recht geben.

»Ja, der Tag war wunderschön. Dein Kind ist so glücklich gewesen.«

»Ja, auch du hast dich am Abend in der Dusche zusammengerollt und stille geweint.«

Beide Dinge sind wahr.

Die Kultur, in der wir leben, zwingt dich, dich zu entscheiden. Entweder du bist die glückliche Mutter mit den Instagram-Kindern und den kuscheligen Moments. Oder du bist die überforderte Mutter, die ihr Kind nicht verdient, weil sie manchmal erschöpft ist. Es gibt keinen Platz dazwischen. Aber du lebst dort. Alle tun das.

Das Gefühl, das mich am meisten beunruhigt, ist die Dankbarkeit. Nicht als echtes Gefühl, sondern als Erwartung. »Du solltest dankbar sein«, sagt eine innere Stimme, sobald ein anderes Gefühl auftaucht. Trauer? Dankbarkeit sollte das überlagern. Wut? Du solltest dankbar sein. Verachtung? Der Gedanke, dass ich manchmal mein altes Leben vermisse? Dankbarkeit, Dankbarkeit, Dankbarkeit.

Und die Dankbarkeit wird zur Bestrafung. Weil jedes Mal, wenn du nicht dankbar genug bist, fragst du dich, ob du eine schlechte Mutter bist. Und jedes Mal, wenn du dankbar bist, verdammst du dich selbst, weil du nicht dankbar genug warst, während du gerade noch überfordert warst.

Das ist nicht nachhaltig. Das ist giftig.

Hier ist, was ich gelernt habe, nachdem zwei Jahre in den Trümmern dieser Erwartung verbracht habe: Du kannst dankbar sein UND überfordert sein. Du kannst dein Kind anbeten UND nach Raum lechzen. Du kannst die beste Mutter sein, die du sein kannst, UND an manchen Tagen gar nicht gut genug fühlen. Das ist nicht Heuchelei. Das ist Menschsein.

Die Liebe ist nicht weniger echt, wenn sie vom Ressentiment begleitet wird. Die Freude nicht weniger wertvoll, wenn sie mit Erschöpfung vermischt ist. Die beiden machen sich nicht gegenseitig zunichte. Sie machen sich gegenseitig real.

Also hier ist das, was ich dir sagen möchte: Darf man beides fühlen? Ja. Darf man sogar. Sollte man. Weil nur wenn du die ganze Wahrheit erfährst — die Liebe UND die Überforderung, die Schönheit UND die Qual — nur dann kannst du wirklich anfangen, dich selbst zu vergeben, dass du ein Mensch bist, der beides fühlt.

Und nur dann kannst du anfangen zu verstehen, dass eine Mutter, die beide fühlt, nicht eine schlechte Mutter ist. Sie ist nur eine Mutter, die ehrlich ist.